„Das Kleingedruckte“ (Johannes 10,11-16)

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird „eine“ Herde und „ein“ Hirte werden.

Neulich bin ich mal wieder reingefallen: Ich habe eine Hotline angerufen. Und es war tatsächlich eine heiße Leitung… Mein Anliegen war eigentlich ziemlich überschaubar und auf der Suche nach Hilfe klang die Werbung im Internet sehr einladend: „Sie haben ein Problem – wir haben die Lösung. Unser Serviceteam ist immer für sie da, rund um die Uhr.“ Ich habe das beim Wort genommen und voller Hoffnung da angerufen. Nachdem ich etliche Telefontasten drücken musste, mal die 1, dann die 2 und schließlich noch mal die 0, kam die Warteschleife. Nette Musik und immer wieder die säuselnde Stimme, dass ich nur noch ein bisschen Geduld haben soll. Und als ich schon gar nicht mehr damit rechne, erklingt eine geschulte freundliche Stimme: „Was kann ich für sie tun?“ Nun ja, den Rest könnt Ihr Euch vielleicht denken… Das war alles schon sehr professionell – aber geholfen hat mir keine. Am Ende wollte doch nur wieder jemand an mir Geld verdienen und der Service war bescheiden. Nach diesem Telefonmarathon hatte ich immerhin ein heißes Ohr – und war genauso klug wie vorher.

Kennt Ihr das auch? Kennt Ihr das, dass man reinfällt auf leere Versprechungen? Auf große Worte, die einem das Blaue aus dem Himmel anbieten? Wenn da nur nicht immer das Kleingedruckte wäre… Aber das verschwindet hinter den großen Versprechungen. Manchmal höre ich da wie ein dummes Schaf auf diese Worte von allen möglichen Leuten und Firmen, die mein Leben erleichtern wollen und Orientierung anbieten. Aber am Ende bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Dann stehe ich alleine da, allein auf meiner Weide, allein mit meinen Problemen und Fragen, aber auch mit meinen Erwartungen und Hoffnungen.

Dann kommen die Fragen: Wer hört mir zu? Wer hört mir richtig zu, wenn ich es brauche? Wer ist da und bleibt auch da, läuft nicht gleich weg, wenn es schwierig wird? Wer bleibt bei mir, wenn ich mit mir selbst nicht zurecht komme? Wer erträgt mich, wenn ich selbst das kaum schaffe? Wer hat eine Idee, wenn ich wie ein großes Fragezeichen durch die Welt laufe? Wer ist mein Hirte, wenn ich mich wie ein kleines, dummes Schaf fühle?

Aber Moment mal! Einen Hirten brauche ich nicht. Freundinnen, Freunde und Familie, das ist okay, die halten es auch meistens mit mir aus. Aber ein Hirte? Albert Einstein hat es auf den Punkt gebracht: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Ein Schaf möchte ich aber gar nicht sein. Nur herumgrasen und brav dem Hirten folgen oder mich von seinen Hunden herumhetzen lassen. Nein Danke!

Schaf sein – das passt nicht zu mir. Das passt zu niemandem heute, oder? Wer will denn schon ein Schaf sein? Ohne eigene Meinung. Ich will selbstbestimmt sein. Ich will selber entscheiden können, wem ich folge. Ich will selber entscheiden, wem ich vertraue, wofür ich mein Geld ausgebe, welche Partei ich wähle und mit wem ich Freundschaft schließe. Und wenn ich mich so umsehe, dann stehe ich damit wohl nicht ganz allein da auf der Weide. Nein, das Bild vom Schaf passt nicht mehr in unsere grüne und saftige Welt.

Und doch sagt da einer: Ich bin der gute Hirte. Ich lasse mein Leben für die Schafe. Ich kenne meine Schafe und sie kennen mich. Das irritiert mich. Wieso sagt der das? Wer der gute Hirte ist, hat das Evangelium uns verraten. Es ist derselbe Jesus Christus, der an Karfreitag gekreuzigt wurde und der in der Osternacht auferstanden ist. Er begegnet uns nicht nur als starker guter Hirte. Nein, er begegnet uns auch als ohnmächtiges, wehrloses Lamm. Ungerecht behandelt, ausgelacht, verurteilt, abgeschlachtet. Er ist nicht nur der lockere Rabbi, der ziemlich überzeugend von Gott erzählt hat und sogar Wunder vollbracht haben soll. Er ist auch der Zweifelnde, der Ohnmächtige, der am Kreuz aus Hass und Wut keine Antwort mehr hatte. Er bietet uns nicht nur eine Aussicht auf das Reich Gottes an, jene wunderschöne, saftige Wiese, er setzt auch in uns selbst Kräfte frei für ein achtsames Leben miteinander und das Gespür für Ungerechtigkeiten in der Welt.

Der gute Hirte ist also nicht so sehr ein Bild für liebe Kinder, das ihnen zeigt: „Jesus passt schon auf euch auf. Es kann euch nichts passieren.“ Es ist auch nicht so sehr ein Bild, das die Menschen zu dummen und hilflosen Schafen macht. Nein, es ist eher ein Bild für Erwachsene. Dieses Bild zeigt: Der gute Hirte ist nicht gekommen, damit die Schafe es sich bei ihm gemütlich machen und zu allem Mäh und Amen sagen.

Der gute Hirte ist gekommen, damit die Schafe wissen, wo sie hingehören, wer für sie da ist und wer sie nicht verlässt, auch wenn der Wolf schon auf dem Weg ist. Der gute Hirte ist gekommen, damit auch die Schafe selber einander hüten können. Auch sie, auch wir können mitbauen an einer Welt, in der Menschen nicht nur als Kostenfaktoren gesehen werden.

Auch wir können z.B. mit unseren Geldbeuteln mitbestimmen, ob eine Näherin in Bangladesh für einen Hungerlohn arbeiten muss. Auch wir können dafür sorgen, dass unser Klima nicht den Bach runter geht und sich die Generation unserer Kinder, Nichten und Neffen einmal einen anderen Planeten zum wohnen aussuchen muss. Und auch wir können uns einsetzen für andere, gerade für solche, die im Moment nicht stark genug sind, um auf sich alleine aufzupassen. Denn das gehört zu einem selbstbestimmte Leben doch immer dazu: Dass es Augenblicke gibt, in denen wir nicht alles in der Hand haben. Momente, da sind wir einfach darauf angewiesen, dass jemand bei uns ist, der uns nicht im Stich lässt.

Wenn das Gewohnte plötzlich nicht mehr da ist, wenn wir Abschied nehmen müssen, von einem lieben Menschen, einer guten Idee oder einem Lebenstraum. Dann tut es gut, wenn da noch jemand ist, der einfach da ist. Vielleicht ohne viele Worte, aber mit ganzem Herzen. Ohne Durchhalteparolen, aber mit dem echten Wunsch, dass es uns gut gehen soll.

Der gute Hirte ist ein altes Bild. Wir können dafür heute viele andere Bilder nehmen. Das Bild vom mutigen Kapitän etwa, der sich selbst in die Gewalt von Piraten begibt, um seine Mannschaft zu retten. Oder das Bild vom ehrlichen Manager, der nicht durch die Hintertür aus dem angeschlagenen Unternehmen schleicht und im Vorbeigehen noch eine ordentliche Abfindung kassiert. Oder eine treue Freundin, die immer wieder da ist, wenn sie gebraucht wird. Ein Gegenüber, ein Mensch, der mir zum Du wird und mich dann trägt, wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß.

Es gibt viele Bilder dafür, was Jesus uns Menschen bedeuten kann. Vermutlich haben wir alle ein ganz persönliches, ein eigenes Bild, das uns Mut macht und tröstet, wenn wir es brauchen – nicht wie bei einer Hotline und ganz ohne das Kleingedruckte.

Amen.

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